Vom Suchen, Finden und Wurzelnschlagen
Wie aus einer persönlichen Krise eine Bewegung für unsere Kinder wurde. Ein Rückblick von Jürgen Schneider.

Der persönliche Wendepunkt
Es gibt Momente im Leben, da zieht einem das Schicksal den Boden unter den Füßen weg – nicht, um uns fallen zu sehen, sondern damit wir genau hinschauen, worauf wir eigentlich stehen. Im Jahr 2003 stand ich an genau so einem Wendepunkt.
Hinter mir lagen Jahre in der vermeintlich glanzvollen Welt der Medien und der Verkaufsförderung. Ich war mittendrin im System: getrieben von Zahlen, von Optimierung, vom schnellen Takt einer Aufmerksamkeitsökonomie, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Zerrissen zwischen Familie und Beruf. Der Preis für dieses Leben im Dauer-Außen war hoch. Nach zwei richtigen Burnouts verstand ich: Ich funktionierte zwar für den Markt, aber ich lebte nicht mehr für mich und meine Lieben. Ich spürte eine tiefe Sinnkrise. Und ich wusste, ich musste mich ernsthaft der Frage stellen wo mein wirklicher Platz in dieser Welt ist – für mich, aber vor allem auch für meine Kinder.
Ich musste mich kompromisslos auf die Suche machen nach dem Echten, dem Unverfälschten. Zu den Dingen die Bestand haben und die unserer eigentlichen Natur entsprechen. Ich fand diese Antwort in der Küche , in der Einfachheit der Nahrungszubereitung und in der Arbeit mit jungen Menschen.
Das Wagnis der Radikalität: Das erste Camp 2003
Aus diesem Impuls heraus gründete ich 2003 das erste ROOTS Camp – damals noch das COOKs Camp, denn die Kinder aus meinem Schul-Kochkurs wollten im Sommer weiterkochen und so bot ich Kochen am offenen Feuer an. Aus heutiger Sicht war es ein ziemliches Experiment: kein Strom, keine künstliche Beleuchtung, später keine Uhren und dann auch keine Spiegel – natürlich keinerlei elektronische Geräte. Wir schliefen unter Tarps und in Tipis, wir hackten Holz und kochten gemeinsam über dem offenen Feuer.
Damals ging es mir primär darum, Kindern einen Raum für eine ursprüngliche, abenteuerliche Kindheit zu schenken. Einen Ort, an dem sie sich schmutzig machen durften, an dem Zeit nicht getaktet war, sondern floss. Was ich in diesen ersten Jahren am Lagerfeuer beobachten durfte, hat mich tief bewegt: Ohne den ständig anwachsenden Reizteppich von außen waren Kinder sehr schnell wieder bei sich. Sie wurden kreativ, sie bauten echte Beziehungen auf, sie spürten ihre eigene Selbstwirksamkeit. Sie waren unsere Ratgeber und Richtungsweiser.
Als die digitale Welt die Kindheit einholte
In den darauffolgenden 20 Jahren hat sich die Welt um uns herum nochmals rasant und drastisch verändert. Das Smartphone zog in die Hosentaschen ein. Social-Media-Konzerne begannen, mit ausgefeilten Algorithmen gezielt das älteste menschliche Bedürfnis auszubeuten: den Wunsch nach Zugehörigkeit und Resonanz.
Was ich in meiner früheren Karriere in der Werbebranche gelernt hatte, sah ich nun in seiner extremsten, unregulierten Form auf die Psyche unserer Kinder einprasseln. Aus dem direkten Vergleich zwischen dem Erleben im Camp und dem Alltag der Kinder wurde mir klar: Unsere Kinder werden systematisch um ihre Kindheit gebracht. Sie sitzen, statt sich zu bewegen. Sie scrollen, statt zu spielen. Sie suchen Bindung – und sammeln shares, likes und follower.
Aus dem einstigen „Ferienexperiment“ ROOTS wurde plötzlich eine absolute, systemische Notwendigkeit. Was als Schutzraum im Wald begann, musste zu einer lauten, klaren und nachhaltigen Antwort auf die digitale Überforderung unserer Gesellschaft werden.
Meine Haltung: Proudly nonprofit!
Wenn man mich heute fragt, was mich antreibt, dann ist es eine tiefe Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Ich kann und will nicht tatenlos zusehen, wie der kleine Homo sapiens – dieses wunderbare, soziale, verletzliche Wesen – den Logiken profitorientierter Plattformen unterworfen wird.
Deshalb habe ich mich auch dazu entschieden, ROOTS kompromisslos als Nonprofit Verein zu führen. ROOTS darf keine kommerzielle Bildungsmarke sein, denn wer Kinder vor der Monetarisierung ihrer Aufmerksamkeit schützen will, kann sie niemals als Business Case betrachten.
Der Weg in die Zukunft: Vom Camp zur Bewegung
Heute ist ROOTS weit mehr als mein persönliches Projekt oder ein einfaches Feriencamp. Gemeinsam mit einem engagierten Team aus Pädagog:innen, Sozialarbeiter:innen und ehemaligen Camp Kindern haben wir das ROOTS AEC-Framework entwickelt – einen pädagogischen Ansatz aus Awareness, Experience und Change, der digitale Mündigkeit erfahrbar macht.
Und wir gehen weiter: Mit der geplanten ROOTS Academy bauen wir ein Bildungs- und Forschungszentrum auf, um dieses Wissen, das wir in über zwei Jahrzehnten am Lagerfeuer gesammelt haben, breit anwendbar zu machen. Wir wollen Multiplikator:innen ausbilden, in die Schulen gehen und einen echten Kulturwandel anstoßen.
Das Camp bleibt das schlagende Herz unserer Arbeit – der Ort, an dem die Utopie einer handyfreien, beziehungsorientierten Gemeinschaft jeden Sommer Realität wird. Aber die Bewegung ROOTS ist das Vehikel, mit dem wir diesen Geist in die Mitte der Gesellschaft tragen wollen.
Ich lade Sie ein: Werden Sie Teil dieser Reise. Schlagen wir gemeinsam Wurzeln, um den Wandel zu wagen. Für unsere Kinder, für unsere eigene Mündigkeit und für eine Zukunft, die menschlich bleibt.
Herzlich,
Jürgen Schneider
Gründer und Obmann von ROOTS